Neun Monate in Kurzgeschichten

 

Geschichte 9 – Umstand und Mode

 

I’ve got the blues. Bu Bum Bumm ,Buuumm. Oh I’ve got the blues. Bu Bum Bumm, Buuumm. I’ve got the Latzhosenblues. Meine Stimmung hat einen Tiefpunkt erreicht. Ich bin niedergeschlagen. Nüchtern sehe ich den Tatsachen ins Auge. Wie habe ich mich doch auf das Einkaufen von Umstandsmode gefreut und wie sehr habe ich es romantisiert. Ich habe es als ein kleiner Höhepunkt einer Schwangerschaft betrachtet. “Jetzt ist die Zeit und der Bauch reif genug, um shoppen zu gehen. Sie fühlen sich fit und wohl. Mit chicen Tricks und ein paar netten modischen Akzente sollten sie nun ihr hübsches, rundes Bäuchlein betonen.” So in etwa empfiehlt mir das mein Ratgeberbuch. Modisch und chic so will ich erscheinen. Eine knackige, kugelmuntere Schwangere möchte ich sein. “Kleider machen Leute”, heisst es doch so schön. Ehrfurchtsvoll betrete ich die Abteilung Umstandsmode. Jetzt gehöre ich auch in die Mamaabteilung. Ich seh mich mal vorsichtig um. Ich bin umgeben von Leggins und Kapuzenpullis, von Stretch und Elastik. Selten ist was raffiniert verarbeitet. Ich bin klein, habe da und dort meine Verlegenheitsrundungen, trotzdem muss ich mir was im XS suchen. Doch selbst die einigermassen schönste Bluse in der S-Grösse oder in der M-Grösse ist so gross geschnitten, dass man damit einen Regenschirm bespannen könnte. Im nächsten Laden das Gleiche. Eine Hose brauche ich aber wirklich dringend. Es ist zwar ein Ammenmärchen, dass enge Hosen dem Kind die Luft abschnüren.Trotzdem würde ich es mir nie verzeihen, dass ich mein Kind einklemme und es soll auf keinen Fall mit einem Hosenknopfabruck auf die Welt kommen. Meine Ausbeute ist eine völlig überteuerte, dunkle Jeansstretchhose in der Grösse 38 mit Gummibandabschluss der mir bis unter die Brust reicht.

 

Nach nur zwei Geschäften und 12 Kleiderstangen verlasse ich die Welt der dehnbaren Mode. Die Jeans landen zu Hause gleich auf dem Nähtisch. Währendem ich die Nähte auftrenne, erinnere ich mich an die zwei jungen Frauen vor mir, wie sie im Laden kichernd die Nachthemden vor sich her halten und damit wie mit einer Flagge herumwehen. Zwei, die sich verirrt hatten und die Nase rümpften. Sie machten sich über die Zelttücher lustig und meinten das Umstandsmode ein schreckliches Wort ist. Es stimmt es muss als Unwort deklariert werden. Umstand und Mode passt einfach nicht zusammen. Geht man mit der Mode hat man keine Umstände zu berücksichtigen. Umhüllt man den persönlichen Umstand kann man selten mit dem Trend gehen. Um das mal theoretisch zu erläutern muss man sich mal überlegen was diese Begriffe im Ursprung bedeuten. Ein Umstand ist eine Tatsache, die ein Geschehen in bestimmter Weise beeinflusst und für die meisten Menschen ist die Mode eine Methode seine Persönlichkeit positiv zu verwerten. Also kann ein Zustand, der zeitlich begrenzt ist, doch nicht in einen Modetrend verpackt werden…oder etwa schon? Ich glaube jetzt habe ich mich selber verwirrt. Am besten ich rufe mal die Verpackungskünstler Christo und Jeanne Claude an, vielleicht können sie mir Klarheit darüber verschaffen. Dann könnten wir zusammen treffendere Begriffe dafür erfinden und gemeinsam alles was schwanger ist umhüllen. Anstatt Umstandsmode könnte man Belly-Bowl-Fashion (Bauch-Kugel-Fashion), 3D-Begleiterscheinungslook oder es Hüllenfüllenstil nennen. Doch das nützt mirim Moment auch nichts. Der erhoffte Höhepunkt hängt immer noch im Tiefpunkt fest.

 

Ich stecke im Latzhosenblues fest. “Trag mir bitte nie Latzhosen”, höre ich mein Mann sagen. Wollte ich auch nie, doch nach meiner neusten Erkenntnis kann ich einfach nur noch mein Saxophon hervorholen und singen: I’ve got the blues. Bu Bum Bumm Buumm. Oh I’ve got the blues. Bu Bum Bumm Buumm. Yeeh, I’ve got the blues…with my blue “Latzpants”. Vielleicht sind Latzhosen gar nicht so übel. Lassen wir mal das Optische beiseite. Sie bieten auch Vorteile. Bei Hosen mit Abschluss im Hüftbereich drückt der Bund beim Sitzen gegen den Bauch und zwingt so das Becken nach hinten zu kippen. Eine solche Sitzhaltung führt zu schneller Ermüdung und evtl. auch zu dauerhaften Schädigungen des Bewegungsapparates. Bei Latzhosen ergibt sich dieses Problem nicht. Also ohne Schädigung des Bewegungsapparates lebt es sich trotz wachsendem Bauch leichter. Tja, das überzeugt meine Eitelkeit immer noch nicht. Oh I’ve got the blues. Bu Bum Bumm Buumm. Let me have the blues without Latz. Seien wir mal ehrlich in Latzhosen sieht man doch aus als wäre man der Malermeister Giuseppe. Ausserdem sind da auch einige Nachteile zu erwähnen. Das An- und Ausziehen einer Latzhose ist bedeutend umständlicher als bei einer normalen Hose. Dann ist man schon in einem umständlichen Zustand muss man sich zusätzlich mit der Handhabung herumquälen.

Dann wäre ein Overall mit dem Reisverschlussprinzip um einiges praktischer. Geht aber auch in die Kategorie Modesünde. In den 1970er Jahren waren Latzhosen gar nicht so verpöhnt. Damals galten sie nicht ausschliesslich als Arbeitskleidung und daher wurden sie auch in die Umstandsgarderobe übernommen. Na ja eigentlich sollte ich gar nicht so meckern. Früher gabs sowas wie Umstandsmode gar nicht. Man versteckte so lang wie möglich die Schwangerschaft, denn die Schwangerschaft und die Geburt wurde mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden. Lange Zeit war der Schwangerschaftsbauch daher gar nicht gesellschaftsfähig. Man stelle sich das einmal vor. Und heute reisst man sich um die Klatschhefter in denen die Klum, die Beckham und die Lopez ihre eigens entworfende Umstandsmode tragen. Die sind überhaupt Schuld daran, dass ich viel zu viele sinnlose Gedanken darüber verschwende. Hauptsache bequem solls sein.

 

Eines muss man der Latzhose wirklich lassen, es sind Allround-Hosen für jede Lebensphase in jeder Lebenslage. Durch die Bewegungsfreiheit kann man den Traum eines schwangeren Workgirls ausgiebig ausleben. Wie im Film Mamma Mia, wo die Meryl Streep eine trägt, kann man mit der Bohrmaschine herumtanzen und danach singend mit einer Arschbombe sich ins Wasser fallen lassen. Gebt mir eine Bohrmaschine! Gebt mir einen Swimming-Pool! Dann singe ich: “Bye bye Latzhosenblues!”

 

Geschichte 8 – Schnorcheln

 

Ich habe mir eine Erkältung eingefangen. Die Kälte ist schuld. Seit 40 Jahren gab es nicht mehr so einen Winter. Solch eine Erkältung hatte ich noch nie. Ich kriege keine Luft mehr. Morgens, mittags, abends und in der Nacht einfach keine Luft. Ich probiere das Essen hinunter zu würgen und muss hektisch nach Luft schnappen. Kann mein Gesicht daran explodieren, frage ich mich? Eingeengt und nach Luft ringend fühlt es sich wie in Gefangenschaft im eigenen Körper an. Es ist wie Platzangst. Mein Mann schenkt mir einen Luftbefeuchter. Dieser dampft vor sich hin, als ob bald ein Flaschengeist erscheinen würde. Im Internet suche ich verzweifelt nach einer Art Spülung für die Nase, die so effizient wirkt, wie eine Darmspülung. Vielleicht finde ich irgend eine Wasabipaste, die mich zum niesen bringt. Doch Salzwasserlösung ist das einzig aufleuchtende Resultat, das mir das World Wide Web anbietet.

 

Ein paar freie Tage in den Bergen soll Linderung verschaffen. Ich hoffe mich an der frischen Bergluft zu erholen. Ein ausgiebiger Rundgang soll ablenken. Die Sonne scheint und der Schnee schmilzt. Die Luft ist trocken. Die Nase ist zu. Ich überlege wie ich mir Abhilfe verschaffen könnte, um den Spaziergang irgendwie doch noch genussvoll zu beenden. Vor mir sehe ich zwei prachtvolle Eiszäpfe. Genau in der richtigen Grösse und Länge. Mein Kind, falls du das jemals liest, macht das ja nie nach. Erstens sind die Spitzen der Eiszäpfen gefährlich und Zweitens ist es einfach würdelos. Man könnte dir den Namen Seehündchen geben, den du nie mehr los wirst. Ich fühle mich zwar mehr wie ein gestrandeter Fisch. Meine Kiemen bewegen sich nervös und ich sehe mich schon in der Bratpfanne ausgetrocknet. Nein ich möchte nicht mehr jammern. Ich bin froh wenn es wenigstens unserem kleinen Nachwuchs gut geht. Zum Glück ist dieser warm verpackt, hat noch genügend Platz zum herumturnen und die Nabelschnur versorgt ihn mit dem Lebensnotwendigen. Vor dem Einschlafen probiere ich an etwas Heiteres zu denken. Durch meinen sauerstoffarmen Zustand erinnere ich mich ans Schnorcheln vom vergangenen Herbst. Obwohl ich es anfangs gar nicht mochte, machte es mir immer mehr Spass. Man muss sich ein bisschen an dieses Rohr in der Staubsaugeroptik gewöhnen. Sobald das Würgen vorbei ist und kein Wasser mehr durch die Brille sickert, hatte mich das Schnorchelfeeling gepackt. Ja meine Gedanken schweifen Richtung Thailand. Jansom Bay hat mich wieder. Das Meer ist türkis. Die Fische flimmern regenbogenartig, kariert, gestreift und gepunktet im Licht. Manchmal kitzeln sie an den Beinen. Am liebsten würde ich jetzt auf unser Reisebüro gehen und mich bei unserer Reiseleiterin Lea melden.

Jeder von uns kennt eine Lea. Die Lea früher aus der Schule. Die Lea von einer Bekannten. Oder die Lea aus dem Facebook. Mit unserer Globetrotter-Lea wäre ich am liebsten verwandt. Sie beschreibt sich als eine kontaktfreudige Wasserratte und als eine Weltenbummlerin. Sie war schon auf den Seychellen, auf den Malediven und überall, wo man vom türkisblauen Meer verführt wird. Dank ihr hatten wir während unserer langen Asienreise keine Zwischenfälle. Hin und wieder ist sie ein bisschen chaotisch. Sitznummern fehlen und Abflugzeiten bringt sie manchmal durcheinander. Doch sobald sie von fremden exotischen Orten zu schwärmen beginnt beissen wir an. Ihr Empfehlungen übertreffen unsere Vorstellungen fast immer. “Ob wir jemals wieder eine Reise bei Lea buchen?”, frage ich Päd, der schon fast schläft. “Na ja…das weiss ich jetzt nicht.” – “Was würde ich jetzt geben morgen in Thailand aufzuwachen.” – “Lea fliegt morgen nach Bangkok.” – “Woher weisst du das?” Ich bin auf einmal hellwach. “Sie mailte mir gestern. Sie fragte nach unserem Thailandtrip. Ob wir gut gereist wären und ob wir ihr einige Tipps hätten.” – “Ja, ich hätte ihr einen Tipp, nämlich mich mitzunehmen.” – “Sie erwähnte, dass sie jederzeit für uns wieder eine Reise dorthin buchen würde.” – “Tja mit Kind werden wir nicht mehr so einfach verreisen können.” Ich merke wie ich durch meine Erkältung richtig weinerlich klinge. Müde meint Päd: “Ja stimmt. Das hab ich ihr gemailt. Nichts mehr mit exotischen Reisen.” Ich seufze. “Sie schrieb daraufhin zurück. Nette und preiswerte Familienarrangements organisiere sie gerne. Ausserdem fliegt sie morgen mit ihrer dreijährigen Tochter ins Land des Lächelns und hätte jede Menge Tipps mit Kindern zu reisen.” Ich merke wie Päd im dunkeln grinst und ich muss auch getrost lächeln. Ich schlafe ein und träume von Fischen, die Staubsaugen, von Seehunden, deren Zähne schmilzen und von mir wie ich mit meiner Schnorchelausrüstung durch die Stadt spaziere. Ich erwache spät morgens und berühre reflexartig mein Gesicht um zu prüfen, dass ich wirklich keine Unterwasserbrille trage. Ausgeschlafen fühle ich mich nun schon ein bisschen besser.

 

Nach 11 Tagen, 1 Nasenspray, 21 Taschentücherpäckchen und einer halb leeren Wasabipaste geht es mir endlich wieder besser. Ich fühle mich wie Wiedergeboren im hier und jetzt. Ich spaziere durch die Stadt ohne Schnorchelmontur versteht sich. Ich atme aus und atme ein wie in einem Kräuterbonbonwerbefilm. Die Schnorchelmontur bleibt noch ein bisschen im Schrank. Zumindest solange bis wir mit unserem Nachwuchs schnorcheln gehen können!

 

Geschichte 7 – Halbzeit

 

Täglich nimmt die Vorfreude zu. Die Spannung steigt. Das neue Jahr hat begonnen und die neuen Vorsätze sind notiert. Das vergangene Jahr verliert immer mehr an Bedeutung. Die 20. Woche naht. Der Bauch rundet sich. Die Tage werden langsam länger und wärmer und die Hosenknöpfe stehen jetzt schon im Freien. Unser Kind hat nun die Aufgabe zu wachsen, um dann die grosse, weite Welt zu entdecken. Manchmal macht mich diese Welt nachdenklich. Ein kleines Kind wächst heran und wird in diese verrückte Welt hineingeboren. Warum ich so nachdenklich bin, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Neigung der Erdachse verschoben hat. Oder es liegt daran, dass sich die Welt zwar immer noch gegen den Uhrzeigersinn dreht, der Klimawandel aber immer noch das Tagesthema ist. Vielleicht liegt es aber einfach daran, dass die Nachrichten jeden Tag merkwürdiger oder sogar schrecklicher werden. Oder es liegt daran, dass erst seit ein paar Tagen Weihnachten und Silvester vorbei sind. All die Jahresrückblicke sind ausdrucksvoll im Fernseher vorbei geflimmert und die Weihnachtsbäume stehen schlaff vor den Haustüren und warten auf die Müllmänner.
Obwohl jetzt Zeit für Planung wäre, ist es auch einfach mal schön inne zu halten. Nach vielen emotionalen Auf und Abs während der Schwangerschaft hat man einfach mal das Bedürfnis den Zwischenstand zu geniessen, indem man ihn festhält. In einer Schwangerschaft werden die elementaren Dinge immer wichtiger. Ich beschäftige mich gerne mit dem Wetter, den Jahreszeiten, der Gesundheit und liebe gutes Essen. Ich verfolge gerne den Wetterbericht. Das Thermometer zeigt draussen 0 Grad an. Für einmal ist es nicht Minus und nicht Plus. Der aussergewöhnlich kalte Winter macht mal eine Pause. Als ob er auch mal eine Winterhalbzeit einlege.

 

Dieser Winter war so fürchterlich kalt, dass ich mittlerweile nach all den trüben Wettervorhersagen bestens über die Unterschiede von Glätte bescheid weiss. Da gebe es die Eisglätte und das Glatteis. Weiter gibt es die Matschglätte und die Reifglätte und wenn normale Regentropfen auf dem kalten Straßenbelag sofort gefrieren, wird dies als Gefrierender Regen oder „Blitzeis“ bezeichnet. Trotz all diesen gefährlichen Ausrutschgefahren kriege ich bei jedem Wetterbericht ständig aus unerklärlichen Gründen grosse Lust auf eine Milchlatte mit einem kalten Schneehäufchen darauf. Auch einen Mojito mit viel Blitzeis würde ich nicht ablehnen. Ja auch die Hormone spielen im Takt der Erdrotation verrückt. Leider vergeht der Appetit aber schnell, wenn man an all die Vögel denkt, die nach der Neujahrsfeier Tod vom Himmel gefallen sind. Vor allem in Schweden und in Amerika sind aufgrund einer Orientierungslosigkeit tausende von Vögel in der Luft zu Tode erschreckt worden. Man vermutet das Feuerwerke über Sylvester dies auslöste. Man muss sich das mal vorstellen, man geht spazieren und es regnet tote Vögel. So ist der Film Magnolia gar nicht so unrealistisch und war seiner Zeit sogar voraus. Warum dann auch noch tausende von Fischen gleichzeitig Tod aufschwammen, hinterlässt Fragezeichen. Die Moralapostel und der Weltuntergangsverein nutzen die Zeit um zu predigen. In den Zeitungen werden Bibelverse aus Hesekiel zitiert. Anderen Tieren geht es da um einiges besser. Die Tiere im Basler Zoo kauen ungestört ohne apokalyptische Hintergedanken auf den würzigen Nadeln der Tannbäumen, die über Weihnachten zu Ladenhütern wurden, herum. Alle Tiergehege sind mit Tannenbäumen dekoriert. Die Lamas knabbern, die Elefanten verschlingen und die Wildschweine scheuern sich an der rauen Rinde. Diese kulinarische Delikatesse zum Jahresanfang ist eine willkommene Abwechslung. Die Tiere sind zufrieden und wohlgenährt und die kürzliche stattgefundene Sonnenfinsternis störte deren Biorhythmus nicht. Der Mond schob sich am 4. Januar partiell vor die Sonne. Der bedeckte Himmel verdarb leider das Naturschauspiel. Ein höchst seltenes Naturspektakel ging fast unbemerkt vorbei und versüsste nur wenigen Hobbyastronomen den Tag.

Mein Biorhythmus blieb jedenfalls intakt. Biorhythmus ist irgendwie ein undefinierbarer Begriff, über den ich gar nicht so genau Bescheid weiss. Wenn man von Biorhythmus redet, klingt das immer sehr intelligent, doch ich bin davon überzeugt, dass die wenigsten Menschen diesen definieren können. Ausserdem ist Biorhythmus eine unbelegte Theorie. Daher kann man den Begriff individuell interpretieren. Die Theorie besagt, dass die physische und die intellektuelle Leistungsfähigkeit, sowie der Gemütszustand des Menschen bestimmten Rhythmen unterworfen sind, die bei allen Menschen gleich sind und mit dem Tag der Geburt beginnen. Eigentlich wollte ich mich ein bisschen schlauer machen und mich darüber informieren. Aber sobald ich meine Recherchen begann, war die Neugier über den biologischen Rhythmus und die damit verbundene Chronobiologietheorie verflogen.
Fest steht, die Welt dreht sich immer noch um die Sonne. Der Tag hat immer noch 24 Stunden und eine Schwangerschaft beinhaltet immer noch 40 Wochen. Alles nimmt seinen natürlichen Verlauf. Manchmal geschehen verrückte Dinge und manchmal passiert nichts. Ein Ereignis jagt das andere. Aktuelle Nachrichten werden von neuen Tagesthemen überschattet. Kürzlich kam mir wieder ein Gedicht in den Sinn.Jeder der einmal ein Freundschaftsbüchlein geführt hat, kennt es. Wenn die Flüsse aufwärts fliessen, und die Hasen Jäger schiessen, und Mäuse Katzen fressen, dann erst will ich dich vergessen. Das ist heutzutage gar nicht mehr so abwegig. Daher passe ich dieses Gedicht meinem Kind zuliebe an: Wenn die Erde sich nicht mehr dreht, es Vögel vom Himmel regnet, Schnee zu Milch wird und der Mond hinter der Sonne schwebt, dann Kind werde ich erst recht an dich denken.

 

Geschichte 6 – Hexe Hormonelse und das Würgemonster

 

Kürzlich hatte ich wieder mal Besuch von Hexe Hormonelse. Eine richtige Kröte ist sie. Sie taucht immer dann auf, wenn ich es am wenigsten erwar-te und hundemüde bin. Nun ist sie hier, während mein Mann auf sich warten lässt. Es ist spät. Schon fast Mitternacht. Ich liege im Bett und grolle. Hexe Hormonelse nützt die Lage aus. “So wo bleibt denn dein treuer Ehemann? Zieht wohl um die Häuser, während sein Kind dich verformt und verunstaltet.” – “Ach sei still Hexe. Du verdrehst die Tatsachen.” – “Schau dich doch an. Schon bald wirst du noch verbeulter und dicker und dann wirst du aus allen Nähten platzen!” Es ist wahr, ich fühle mich seit Tagen einfach nur hässlich. Ich höre den Schlüssel an unserem Türschloss. Obwohl ich erleichtert bin, über die Heimkunft meines Mannes, ist mein Frust grösser. Die Hexe hat ganze Arbeit geleistet. “Wie geht es dir Schatz? Schläfst du schon?” Mein Mann flüstert mir liebevoll zu. “Was interessiert dich das? Hättest nicht mehr heimkommen müssen? Du weisst genau, dass ich auf dich warte…” Die Theatervorstellung hat begonnen. Da die Vorstellung eher einem Kasperletheater gleicht, überspringe ich die Szenen und das Drama. Der Vorhang fällt. Ich werde mit Tomaten und rohen Eiern beworfen, weil ich es nicht anders verdient habe. Ich erkläre Päd bevor wir endgültig versuchen zu schlafen, dass das ganze eine Inszenierung von Hexe Hormonelse war. Nach den rohen Eiern folgt seinerseits Verständnis. Meine äusserlichen Veränderungen machen schlechte Laune. Der Ratgeber schlägt vor sich immer wieder was Gutes zu gönnen und sich zu entspannen. Wenn man sich wohl fühlt, dann geht es einem bekanntlich besser. Doch es nützt nichts. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Hässlichste im ganzen Land? Du und deine dicken Brüste…”, lacht die Hexe. Ja die sind mir viel zu gross. Wenn ich auf mich herunterschaue, dann sehe ich diese zwei angeschwollenen Brüste. Mein BH wird immer unbequemer. Die Bügel des BH’s versuchen ihre Form zu halten und geben ihr Bestes. Bald werden sie aber über die gefährlichen Rundungen rutschen und der BH wird über die Klippe springen müssen. Nebst der Hexe Hormonelse wäre da auch das Würgemonster. Vermutlich hat sie ihn engagiert. Das würde zu ihr passen. Die Kröte und der Schuft. Ein richtiges Verschwörungspakt. Ohne irgend eine Vorahnung probiere ich im Laden Schals an. Mittlerweile sind die Temperaturen 5 Grad unter 0 gesunken. Jedes Jahr kaufe ich mir einen Schal. Mein Wintermantel ist schon ziemlich alt. Irgendetwas schönes buntes würde die ganze Sache aufpeppen. Kaum lege ich den Schal um, würgt er mir die Kehle zu wie eine Würgeschlange. Ich befreie mich und laufe mit geöffneter Jacke bei Minustemperaturen nach Hause. Dieses Jahr werde ich ohne Schal auskommen müssen. Das Würgemonster macht sich seinen Spass daraus. Als hätte es nicht genug sind nun Halstücher und Halsketten auch verhext. Leider ist er aber ausser Gefecht gesetzt. Die böse Stiefmutter hat meinen edlen Prinzen vergrippt und das rechtzeitig aufs Wochenende. Wenn er krank ist, erkennt man das immer daran, dass er seine Kapuze seines Trainerpullovers bis zur Nase herunterzieht. Ein grausames Husten erfüllt seinen Rachen. Dieser hält uns beide nachts wach. Wir sind gefangen in einem schauderhaften Märchen. Wir sind sozusagen die gewürgte Lady und der heiserne Prinz. In unseren Gemächern versuchen wir wieder zu neuen Kräften zu gelangen. Päd erholt sich von den wöchentlichen Schlachten und ich erhole mich vom Würgemonster und von Hexe Hormonelse. Damit wir schneller zu Kräften kommen, beginne ich uns etwas Leckeres zu kochen. Spätzle kommen immer gut an bei Päd. Die hohe Kunst des Spätzlemachens ist in vollem Gange. Doch es beginnt mich wieder zu würgen und das Salz fliegt mir aus den Händen. Alles ist mit Salz übersät. Ich höre wie mich Hexe Hormonelse auslacht. Ich fahre sie fluchend an. Immer wieder ruft sie: “Du bist so was von ungeschickt.” – “Du kannst mich mal”, fahre ich sie an. Das nimmt sie mir übel und verflucht mich. Der heiserne Prinz kommt herangeeilt. “Was ist denn los?” “Ach lasst mich doch alle in Ruhe, verdammt noch mal.” – “Was ist denn hier passiert?” – “Frag doch nicht so blöd und hilf mir…!” Aus irgend einem Grund bin ich den Tränen nahe. Kaum beginnt er mir zu helfen, wird er auch schon wieder aus der Küche vertrieben. Ich kriege gleich ein schlechtes Gewissen, dass ich meinen Mann so angefahren habe. Seine liebenswerte Art, seine unschuldig verschnupfte Nase und seine grossartige Hilfsbereitschaft, habe ich auf eine hässliche Art vertrieben.

Von der Hexe gehänselt, vom heisernen Prinz verlassen, beginne ich zu wimmern und zu weinen. So kindisch und unlogisch meine Tränen ausgelöst werden, so unaufhaltsam sind sie. Wie die Spätzle zäh in das siedende Wasser gedrückt werden so ziehen meine Träne langsam die Wangen hinunter. Mit dem Unterschied, dass sie nicht mehr aufschwimmen. Langsam beruhige ich mich wieder. Päd verhält sich ruhig, geschwächt von den unerklärlichen Zwischenfällen hat er sich ängstlich zurückgezogen. Die Spätzle sind nun zum Verschlingen bereit. Ich hab sie noch einmal im Backofen gewärmt. Hungrig und gierig greife ich nach ihnen. Doch ohne Backofenhandschuh ist das nicht nur dumm, sondern auch furchtbar heiss, als würde man glühende Kohle berühren. Mein Schrei lässt Päd wieder antraben. Ich beginne die Hand zu kühlen, während er die Spätzle zusammenkehrt. Wie ausgespuckte Lava sind sie in der Küche herumgeschossen. Dieser Schmerz verdirbt mir alles. Ich muss an den Fluch der Hexe denken. Der Appetit ist mir vollständig vergangen und der gemütliche Sonntagabend wird zur reinen Nervensache. So bekomme ich von Päd eine Handbandagge nach improvisierter Heimwerkerart. Er wickelt Eiswürfel in ein Küchentuch und bindet es mir um. Mit einem Plastiksack und Isolierband macht er die ganze Sache dicht und schlaftauglich. Obwohl die böse Hexe Hormonelse mich dauernd gequält hat, hat sie doch was Gutes bewirkt. Sie hat mir gezeigt wie geduldig mein Mann mit mir ist. Ich betrachte diesen eigenartigen Wickel, sehe in sein müdes Gesicht und verspüre soviel Dankbarkeit, die man nicht in Worte fassen kann. Hexe Hormonelse ist für das eine Mal über alle sieben Berge verschwunden.

 

…Und wenn sie nicht gestorben sind, leben die gewürgte Lady und der heiserne Prinz glücklich bis zur Erwartung ihres Kindes in der Hoffnung, dass ihr Kind geschickter wird als seine Mutter und falls nicht, dann wird der Prinz es mit Sicherheit.

 

Plötzlich würgt mich alles. Der Würghöhepunkt findet aber beim Wäsche waschen statt. Ich nehme die saubere Wäsche aus der Waschmaschine und fülle sie in den Trockner. Jegliches Bücken ruft ein neues Würgen hervor. Ich kann nichts dagegen unternehmen. Gerne würde ich mir einbilden, dass es nur ein übler Schluckauf ist. Über das Wochenende möchte ich mit meinem Mann eine Taktik überlegen, damit ich es mit dem Würgemonster aufnehmen kann.

 

Geschichte 5 – Bestandesaufnahme

Mein fein gewölbtes Bäuchlein ist unscheinbar. Als ob man zuviel gegessen hätte so sieht es aus. Der zweite Monat beginnt. Manchmal ist es mir ein paar Minuten flau, aber das ist schon alles. Wirklich typische Dreimonatsbeschwerden bleiben aus. Mein Ratgeber beschreibt mühsame Beschwerden, die ich zum Glück nicht erleiden muss. Heisshungerattacken, plötzliche Appetitlosigkeit und die berühmt, berüchtigte Übelkeit sind nicht der Rede wert. Im Moment ist bei mir alles Bene. Mein Glückskeks macht es sich halt gemütlich innen drin. Ich kann mich nicht beklagen und fühle mich sogar ausgeglichener denn je. Die ersten 7 Wochen sind gut überstanden.

 

Ich schaue mich im Spiegel an und frage mich, ob man es mir ansieht. Strahle ich die Schwangerschaft aus? Meine Schwägerin meinte, dass man das merkt. Da ist sicher was dran. Ich betrachte mich von links und von rechts. Ich strecke den Bauch raus und wieder rein. Ich strecke die Brüste raus und wieder rein. Zieh mir den Pullover zurecht und zieh mir die Hose zurecht. Ja ich behaupte mal, durch den gelungenen Schwangerschaftsstart wirke ich munter. Vielleicht liegt das an den täglichen Vitaminbomben, die ich nun meinem Mitbewohner zuliebe einnehme. In zwei Wochen werde ich 29 Jahre alt. Vielleicht bin ich daher vermehrt mit meinem Äusseren beschäftigt. Ich selber kann es nicht ganz glauben. So schnell vergeht die Zeit. Bald werde ich mein Alter mit einer 3 davor schreiben müssen. Doch so sehe ich nicht aus. Das weiss ich. Im Zeitalter von Botoxspritzen gibt es Tage da hätte ich gerne ein paar interessante Charakterfalten. Ich fühle mich manchmal wie eine Mogelpackung. Es gibt Leute, die schätzen mich 10 Jahre jünger. Ich weiss nie, ob das eine gute Leistung oder eine Beleidigung ist. Innen- und Aussenleben sind sich manchmal völlig fremd. Natürlich gibt es schlimmeres. Jeder trägt irgendwelche Komplexe mit sich rum. Nun immerhin werde ich meistens als eine erwachsene Frau wahrgenommen. Von meinem jugendlichen Aussehen habe ich bisher nicht wirklich profitieren können. Dauernd diese Frage nach dem Ausweis. Kauft man Alkohol: Ausweis. Fährt man Zug: Ausweis. Ist man im Ausgang: Ausweis. Meine Grösse von 1.58cm ist leider auch nicht eine überzeugender Beweis. Hauptsache unser Kind fragt mich nicht nach meinem Ausweis. Es nimmt mich so wie ich bin. Ausserdem soll unser Kind lernen, dass nicht die Packung wichtig ist, sondern der Inhalt.

Mit dieser Einstellung, die ich unserem Nachwuchs weitergeben möchte, gehe ich in den Supermarkt. Ich packe Nötiges und Unnötiges in mein Körbchen. Manches dient eben der Hülle und manches der Fülle, wie zum Beispiel alkoholfreies Bier. Mit dem vollen Einkaufskörbchen gebe ich an der Kasse die Lebensmittel auf das Förderband. Ich packe alles zügig in meine Tasche. Anstatt mir den Betrag zu nennen, fragt mich der Kassierer nach meinem Ausweis und ich seufze. Aus reiner Gewohnheit hätte ich ihn fast herausgenommen. Es ärgert mich. Am liebsten würde ich richtig laut werden Und so richtig meine Meinung sagen. “Weißt du eigentlich kleiner Lehrling, wie alt ich bin? Ich könnte fast deine Mama sein! Und übrigens kaufe ich alkoholfreies Bier, weil ich schwanger bin von meinem Ehemann! Also du Knirps, möchtest du immer noch meinen Ausweis sehen?“ Ich beruhige mich innerlich. Ich, die kleine , unscheinbare Person, die weder einen schwangeren Bauch vorweisen, weder einen Ehering aus Allergiegründen trägt und mit einem viel zu jungen Ge-sicht dem Kassierer gegenüberstehe gebe kleinbei. Er macht auch nur seinen Job. Ich lächle gequält. „Sie wissen schon, dass das alkoholfreies Bier ist?“ Nach diesem Identitätskampf verlasse ich den Laden schnell.

 

Eine Woche später stehe ich wieder an der Kasse an. Wieder habe ich alkoholfreies Bier zum bezahlen bereit. Die Leute sind damit beschäftigt die Produkte aufs Fliessband zu stellen. Ich füge mich in dieses eintönige Verhaltensmuster. Um den Kassierer von letzter Woche mache ich einen Bogen. So stehe ich bei einer asiatischen Kassiererin an. Sie sieht nett aus und sieht vermutlich auch 10 Jahre jünger aus. Asiaten wirken allgemein oft viel jünger. Bevor ich an die Reihe komme, drehe ich die Flaschen so, damit sie gleich die Ettiketten bemerkt. Hülle vor Fülle ist mein Prinzip. Während ich anstehe, denke ich ist es an der Zeit dem jungen Kassierer gedanklich zu verzeihen. Wenn ich mich schon wegen so einer Kleinigkeit ärgere, dann werde ich früh sterben. Mein Grabstein mit dem eingemeiselten Geburtsjahr würde alle zwar sehr verblüffen. Doch wäre die Trauer be- stimmt gross und das ist es einfach nicht wert, sich dermassen aufzregen. Während ich über Tod und Leben nachdenke, sind meine ausgewählten Lebensmittel von der lieben Frau Asiatin in Bearbeitung. Plötzlich holt sie mich mit einer allzu bekannten Frage in die Realität zurück: „Dalf ich ihlen Ausweis sehen?“ Ich merke wie ich meine Krallen am liebsten ausfahren würde. Doch ich lächle gequält und denke, ach meine Liebe, soeben habe ich doch meinen Frieden mit allen Kassierer und Innen auf dieser Welt geschlossen. Ich halte ihr die Flasche unter die Nase und sage: „Lesen sie doch: es ist alkoholfrei.“

 

Geschichte 4 – Feuerwerk

Heute halten wir dein erstes Ultraschallbild in den Händen. Du kannst uns noch nicht wirklich hören aber deinen Herzschlag hörten wir ganz deutlich. Es hat ordentlich geklopft. Du scheinst vielbeschäftigt zu sein. Ausserdem hat es geschneit. Das erste Mal in diesem Winter. Schnee bringt mir immer Glück. Schon seit ich klein war, passierte beim ersten Schneefall immer was Gutes. Und heute bist du unser Gutes. Wie die Schneeflocken aus dem Nichts vom grauen Himmel fallen, so kamst auch du plötzlich aus dem Nichts und irgendwie aus der Unendlichkeit. Ehrlich gesagt empfand ich den ersten Kontakt per Bildschirm mit dir irgendwie abstrakt. Päd verdrückte ein paar Tränen, er war ganz gerührt. doch ich war von der modernen Technik zu sehr abgelenkt. Es kam mir vor als ob du aus einer fremden Welt, ja vielleicht sogar aus dem Universum kämst. Die Frauenärztin sicherte uns aber zu, dass du kein Ausserirdischer bist. Mit einem Purzelbaum hast du das bestätigt. Unsere Freude ist gross. Die ganze Familie freut sich schon deine Bekanntschaft zu machen. Sie wissen es noch nicht lange. Erst seit einigen Tagen haben wir es der Familie meines Mannes berichtet.


Lange überlegten wir wie wir es ihnen mitteilen. Wir wollten es feierlich gestalten. Der Faktor Überraschung sollte gross sein. Denn wenn es Anlass zum Feiern gibt, sollte man den ausnützen. Wie kann man eine solch frohe Botschaft richtig knallen lassen? Mit einer Tischbombe zum Beispiel. Wir kauften eine, um sie dann mit zwei, drei Schnullern aufzufüllen. Die Schnuller beschrifteten wir mit den Fragen: Wird es ein Neffe oder eine Nichte? Wird es ein Enkel oder eine Enkelin? Wird es ein Cousin oder eine Cousine? Wir mussten uns nicht einmal um-ständlich selber einladen. Deborah meine Schwägerin und mein Schwager Tom kamen uns zuvor. Diverse neue Familienmitglieder, gaben Anlass für ein Wiedersehen und Spaghetti mit Tomatensauce à la Tom sind Anlass genug. Deborah und Tom haben zwei neue kleine Kätzchen. Meine Neffen Lars und Nils öffneten uns die Tür und stellten uns die kuscheligen Tigerwollknäuel vor. Lars und Nils bemerkten daraufhin schnell die Tischbombe. Sie sind 6 und 8 Jahre alt und ganz verrückt nach Tischbomben. Sie mögen alles was knallt und explodiert. Doch sie mussten sich noch gedulden. Denn es waren noch nicht alle eingetroffen. Cornelia und Yves, die frischgebackenen Eltern, waren im Anmarsch mit Amélie. Es war das zweite Mal das wir die Kleine sahen. Eine Beschnupperung zwischen Katzen und Amélie fand statt. Und irgend einmal stand das Essen auf dem Tisch. Gesprächsthema war natürlich der Nachwuchs, wie Amélies Schlafgewohnheiten, Lars schulische Leistungen und das Anbringen einer praktischen Katzentüre. Gerne hätte ich unsere Neuigkeit erzählt…doch die Eltern von Päd kamen erst auf den Nachttisch. Ich war kurz vor dem herausplatzen unserer Neuigkeit. So erzählte ich irgendwas, egal wie dumm oder interessant es war. Ich erzählte von meinem Traum, den ich unmittelbar vor meinem Schwangerschaftstest hatte. Ich träumte, dass Päd schwanger war. Sein Bauch war kugelrund. Die Bemühungen die Schwangerschaft zu verheimlichen, vor allem vor der Öffentlichkeit hielt nur einige Tage an. Bekannte bemerkten dann die merkwürdige Schwangerschaft. Und auf einmal rannten Reporter aus der ganzen Welt uns die Bude ein! “Oh mann, ein schwangerer Bruder will ich mir nicht vorstellen. Aber Nachwuchs, dass würde ich euch wirklich gönnen”, meinte Deborah amüsiert. Die Wer-will-nochmal- und- Wer-hat-noch-nicht-vom-Salat-gegessen-Frage wurde gestellt und die Teller wurden abgeräumt. Meine Schwiegereltern Yvonne und Peter trafen ein. Natürlich fehlte das traditionelle Mousse au Chocolat à la Maman auch nicht. Mit ihrer Ankunft war endlich Showtime. Die Zeit die Bombe platzen zu lassen war gekommen. Lars und Nils waren zum anzünden bereit. Sie zählten den Countdown rückwärts….5, 4, 3, 2, 1, und die Schnuller schossen in alle Richtungen und verschreckten die Katzen. “Seit wann sind denn da Schnuller in den Tischbomben drin?” Fragte sich meine Schwiegermutter. Cornelia hob einen der Schnuller auf. Sie las vor: “Wird es ein Cousin oder eine Cousine? Ich denke mal Amélie ist eine Cousine. Das wissen wir doch schon? Päd und ich wurden immer stiller. Cornelia sah uns fragend an. Sie nahm den nächsten Schnuller und las wiederum vor: “Wird es ein Enkel oder Enkelin? Amélie ist doch eindeutig eine Enkelin oder wisst ihr etwas, was wir nicht wissen?” – “Ja wir wissen etwas, was ihr nicht wisst”, platzte ich heraus. Cornelia stürzte sich auf uns. Sie umarmte und drückte uns herzlich. “Du bist schwanger! Ich glaube es einfach nicht!”

 

Aus einer gewöhnlichen Tischbombenzündung wurde ein freudiges Spektakel. Aus einem kleinen Tischfeuerwerk brach ein Feuerwerk der Gefühle aus.

 

Geschichte 3 – Ein Schluck Rotwein

In der Stadt findet von der Vereinigung der Künstler und Kunstfreunde eine Fotografieausstellung von mehr oder weniger talentierten Fotografen statt. Ronnie ein guter Freund lädt uns zur Vernissage ein. Ich bin gespannt auf seine Fotografien. Wir nehmen die Einladung gerne an. Der Zeitpunkt der Vernissage rückt näher. Ein plötzlicher Adrinalinschub überfällt mich. Vernissage bedeutet immer ein Gläschen Sekt oder Wein in der Hand zu halten. Ich überlege mir die Einladung sausen zu lassen, damit ich der Frage: „Was möchtest du trinken?“ umgehen kann. Nein, das kommt nicht in Frage. Ich bin schwanger und nicht krank und leide nicht unter Gesellis Vermiedinitis. Ausserdem möchte ich die neun Monate geniessen. Wer weiss wie es in einem Jahr aussieht. Da kann man nicht mehr mir nichts dir nichts abends um 9 Uhr an eine Vernissage. Zudem merke ich, dass ich die Sache schon viel zu kompliziert angehe. Schwanger zu sein bedeutet nicht, sich von allem auszuklammern. Am besten sage ich einfach deutlich, das ich lieber nichts auf leeren Magen trinke. Das funktioniert doch immer. Trotzdem bin ich von der faulen Ausrede selber nicht überzeugt. Denn zum Einen gibt es bestimmt ein reichlich gedecktes Buffet und zum Anderen passt es nicht zu mir. Die Ausrede, dass ich noch heimfahren muss zählt nicht, da wir kein Auto haben. Ich stelle mir vor, wie wir die Ausstellung betreten und unsere Freunde begrüssen. Mein Mann kriegt schon das erste fein geschwungene Gläschen Wein in die Hände gedrückt und meins fliegt dummerweise zu Boden, weil ich mich allzu nervös verhalte. Ich kann mir definitiv die Vernissage ohne Sekt- oder Weinglas nicht vorstellen. Der Inhalt des Glases ist Nebensache. Es ist doch so mit einem gut gefüllten Glas kann man die Zeit an einer Vernissage herrlich geniessen. Die Alternative sind Pappbecher, die man unbewusst verformt und verbeisst. Mit einem Weinglas ist es besser. Man ist sozusagen immer beschäftigt mit festhalten und hat nicht einfach die Hände in den Hosentaschen. Das Nippen daran ist nur eine Sache. Man denke nur wie man mit dem Gläschen in der Hand über die gelungenen Akzente der Fotografien gestikulieren kann. Oder wie man dezent auf andere Leute zeigen kann. Wein kann man sanft schwingen. Den Sekt kann man beim Sprudeln beobachten.

Kurz vor der Vernissage, will ich daher vorbereitet sein. Ich stehe im Supermarkt und schaue mich nach Sekt-und Weinimitaten um. Der Fall ist klar. Rotwein ist roter Traubensaft. Beim Sekt muss ich suchen. Entdecke aber was passendes. Ein sprudelndes Holunderblütensäftchen muss herhalten.

Wir betreten die Vernissage. Ein gemischtes Volk. Bekannte und Unbekannte sind darunter und alle teilen sich die gleiche Beschäftigung. Ich klammere mich ein bisschen nervös an meinem Handtäschchen inkl. persönlich mitgebrachter Minibar fest. Wir haben unsere Freunde bald gesichtet. Ronnie begrüsst uns: „Schön, dass ihr es geschafft habt. Nehmt euch was zu trinken.“ Wir folgen natürlich seiner netten Anweisung. An der Bar wird Weisswein und Rotwein offeriert. Mein Mann und ich kriegen von Ronnie ein Gläschen Rotwein. Daraufhin suchen wir uns eine ruhige Ecke. Wir verstecken uns bei den Hundeporträts. „Trink schnell aus.“ Gehetzt trinkt mein Mann aus. Die Hunde beobachten wie wir nun ins leere Glas den jungfräulichen Saft schütten. Zum Glück können die Hunde uns nicht anbellen und verraten. Völlig entspannt kann ich die Vernissage nun ausredefrei geniessen. Kein schlechtes Gewissen plagt mich mehr. In der Menge finden wir hin und wieder bekannte Gesichter, welche uns begrüssen und ebenfalls ein Gläschen festhalten. Wir treffen auf Tom den Bruder unseres Lieblingsfotografen. „Hallo zusammen. Schön euch zu sehen.“ Er begrüsst uns herzlich. „Dieser Wein ist wirklich ein edles Tröpfchen.“ Wir stossen daraufhin an. Ich halte mich fein aus dieser Feststellung raus. Ertappe mich aber, wie ich an meinem Glas schnuppere. Es ist wie wenn man den schwarzen Peter in den Händen hielte und blufft. Während wir uns verabschieden, möchte uns Ronnie und auch Tom zum Abendessen einladen. Auf dem Heimweg lassen wir den Abend revue passieren und diskutieren über die Essenseinladungen. Was für grosszügige Freunde wir doch haben, die uns mit einem Festschmaus, edlem Tropfen und frisch Sprudelndem nur so verwöhnen wollen. Schon nächsten Sonntag nehmen wir die erste Einladung in den Angriff.

Wir wollen diese Umschütt-Nummer demnächst wieder so durchziehen, solange bis wir von der Frauenärztin eine Bestätigung haben. Zudem glaube ich der Spassfaktor hat uns gepackt. Noch bessere und noch ausgeklügelte Tricks fallen uns ein, wie wir ein alkoholisches Getränk vortäuschen können. Ettikettentäuschungen versus faule Ausreden das ist unsere Devise. Im Übermut kreieren wir einen Schwangerschaftsratgeber „Trinkfest schwanger.“ Tipps und Tricks für Alkoholimitaten. Zu Hause angelangt machen wir es uns mit einem Gläschen Traubensaft auf dem Sofa gemütlich und geniessen unsere Dreisamkeit.

 

 

Geschichte 2 – Ratgeber

Das Wochenende steht vor der Tür. Es ist Freitag. Ich treffe mich früh abends mit Päd in der Stadt. Wir wissen eigentlich nicht so genau was wir zusammen unternehmen wollen. Zum Essen ist es noch zu früh und zum Einkaufen ist es irgendwie zu spät. Ich schlage vor in unserem Lieblingslokal ein Apéro einzunehmen. Das herbstliche Sonnenlicht ist im Moment besonders einladend um noch draussen zu sitzen. “Aber was willst du denn zum Apéro trinken?” Päd ist von dieser Idee nicht so begeistert. Wir blicken uns um. Ich zeige zum Bücherladen. “Wir könnten uns nach einem Schwangerschaftsratgeber umsehen.”

Im Laden drinnen werweisen wir von Neuem. Vor der Rolltreppe entscheiden wir uns dann einen Stock hinunter zu fahren, direkt in die Abteilung Leben und Gesundheit. Unten angelangt müssen wir nach den Schwangerschaftsfachbüchern suchen. Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob wir zwischen den Bücherregalen wie Psychologie, Esoterik, Religion, Kochbücher und Meditation wirklich richtig sind. Wir fragen noch einmal nach. Eine kurzhaarige, fachkundige Angestellte mit schmalen Brillengläsern passend zu ihren Lippen orientiert uns. In einem sachlichen Tonfall sagt sie schnell, ohne einmal zu blinzeln: “Sie finden die Bücher über Familie, Teenager, Kinder, Erziehung, Säuglinge, Fehlgeburten und Schwangerschaft unmittelbar hinter der Kinderspielecke, gleich hinter der Rutschburg.” Das macht natürlich Sinn. So sind Theorie und Praxis vereint vorzufinden. Wenn man zu müde vom Durchstöbern ist, kann man übermütige Kinder und genervte Mütter kritisch beobachten. An der Kinderspielecke ist ganz schön was los. Der Lärmpegel ist hoch. Ein Dutzend Kinder klettern und rutschen herum, während zwei, drei schwangere Mamas im fortgeschrittenen Stadium auf einem Sitzkissen daneben erschöpft sitzen. Dieser Anblick hinterlässt bei mir ein ungutes Anfängergefühl.

Die Auswahl der Schwangerschaftsratgeber erschlägt uns fast. Irgendwie brauchen wir von allem etwas. Wir brauchen was für werdende Väter, etwas über Hebammen, die Geburt, und vielleicht was über Fehlgeburten. Ich nehme auch ein Ernährungsbuch hinzu und halte nach knapp zwei Minuten sieben Bücher in den Händen. “Das ist doch nicht dein Ernst!” Päd nimmt mir die Bücher aus den Händen und stellt sie zurück. In diesem Ratgeberdschungel wird man ganz kirre. Ich beginne zu stöbern und bleibe bei Büchern wie Glückliche Schwangerschaft, Schwanger macht schön, Schwanger macht lustig und Workout für Schwangere hängen. Na ja, diese Bücher klingen interessant, aber das ist auch schon alles. Ausserdem verstehe ich auch nicht viel von Yoga, Meditation, Feng Shui und Shiatsu. Sie wären interessant, wenn man Zeit für einen neunmonatigen Wellnessurlaub hätte. Davor könnte man sich mit dem Reisen für Schwangere eindecken. So wäre man komplett ausgerüstet. Dann sticht mir ein Buch ins Auge: Der orientalische Tanz in der Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung. Das würde das Buch nebenan ersetzen mit dem Titel Warum Schwangere nicht umkippen. Der Bauchtanz interessiert mich mehr und ich beginne gleich mal darin zu lesen: Positive Auswirkungen des Orientalischen Tanzes im Sinne von Körperwahrnehmung, Entspannung und Kräftigung, weist aber auch auf mögliche Gefahren bei unreflektierter Ausübung während der Schwangerschaft hin. Nach einer Analyse der Ziele von Schwangerschaftsgymnastik und Geburtsvorbereitung werden verschiedene Integrationsmöglichkeiten des Orientalischen Tanzes und die damit verbundenen Vorteile und Probleme aufgezeigt. Typische Tanzfiguren wirken sich unmittelbar auf den Körper der Schwangeren aus….”Du ich glaube, du bist ein bisschen vom Thema abgekommen.” Päd nimmt mir das Buch aus den Händen. “Oder willst du bei der Geburt etwa alle mit Bauchtanz entzücken?” – “ Nein, schon klar. Was hältst denn du in den Händen?” – “ Nun ich denke mit diesen Büchern hier könnten wir etwas anfangen, Schwanger was nun? oder Schwanger für Anfänger – Ein kleines Lexikon für das grosse Ereignis. Was meinst du?” – “Das Zweite ist einfach zu dünn für ein Lexikon. Wir brauchen was umfassenderes.” – Päd wird ungeduldig und mir macht der Kinderlärm langsam zu schaffen. Ich zeige auf ein dickes, bilderreiches Buch. Wir nehmen doch dieses hier Rundum schwanger von A-Z, von Aquajoggin bis Zeckenbiss”. Päd hält mir genervt ein anderes hin: “Dieses hier ist noch besser Sie bekommt ein Baby – und ich die Krise” – Ohne Kommentar halte ich ihm Hilfe wir sind schwanger hin. Das ist wahrhaftig die Qual der Wahl. Mittlerweile haben wir fast jedes Buch durchgeblättert. Nach zwanzig Minuten und etwa zwanzig weiteren Büchern entscheiden wir uns. Es ist ein Schwangerschaftsbuch, welches praktischen Rat für jede Woche bietet. Sowas haben wir uns vorgestellt.

Nun gehts schnell an die Kasse. Würde man alle Ratgeber und Fachbücher lesen, wäre man sowas wie die Superschwangere. Man könnte daraus eine Reality-Show machen und es noch vor der Supernanny senden. Päd reisst mich aus meinen Gedanken: “Komm, wir stehen bei einer anderen Kasse an. Da kommt Daniel die Rolltreppe hinunter. Er winkt uns zu. Er soll nicht sehen, was wir da kaufen. Das geht ihn noch nichts an.” Vom Untergeschoss fahren wir umgehend per Rolltreppe in den 3. Stock. Von weitem nicken wir Daniel zu. An der Kasse im 3. Stock bedient uns eine nette Frau mit grauem, krausem Haar. Wir übergeben ihr das Buch. Dieser Moment finde ich irgendwie ergreifend. Vielleicht liegt es daran, dass wir an derselben Kasse drei Jahre zuvor anstanden, um Reiseführer für unsere Weltreise zu kaufen. Damals schwärmten wir von fremden Ländern. Und nun schwärme ich von etwas kleinem Grossen in mir drin. Die Kassiererin lächelt uns freundlich an. Vermutlich hat sie schon Kinder und stellt sich vor, wie sie einmal ein Schwangerschaftsbuch gekauft hat. Immer noch lächelnd fragt sie uns: “Darf ich es ihnen als Geschenk einpacken?” Päd und ich sind ein bisschen irritiert. Mit dieser Frage hätten wir nicht gerechnet. Ein bisschen beleidigt lehne ich ab. Doch dann kommt Daniel auf uns zu. “Oder wissen Sie was, packen sie es doch ein”, sage ich hastig. So schnell kanns gehen. Aus einem bewegenden Moment wird ein normaler Bücherkauf.

 

 

Geschichte 1 – Positiv

Päd mein Mann und ich schliessen unsere Wohnungstür auf. Die Gepäcke lassen wir fallen und blicken uns um. Vier Wochen Thailand und nichts hat sich hier in unseren vier Wänden verändert. Ausser dem stickigen Geruch. So eben waren wir doch abgereist und nun schon wieder angekommen. Ich mache es uns gleich mal gemütlich. Päd öffnet als erste Tat unsere Post. Zwischen den Rechnungen und Bankauszügen erscheint eine bunte Karte. Darauf steht, „Wir haben eine neue Mitbewohnerin Amélie!“ Meine Schwägerin Cornelia und mein Schwager Yves sind stolze Eltern. Sie ist winzig und hat schon viele Haare. Während ich die Karte bewundere, klopft mein Unterbewusstsein in mir. Vor vier Tagen hätte die Periode einsetzen sollen. Ich frage mich, ob ich mir eine furchtbare, seltene Tropenkrankheit eingefangen habe, oder „das Andere“ möglich wäre. „Schatz, du soll-test jetzt deinen Schwangerschaftstest machen“, meint Päd und beginnt unsere Rechnungen online einzuzahlen.
Ich schiebe es noch ein bisschen vor mich hin und sortiere die Wäsche. Eine halbe Stunde später überwinde ich mich und nehme den Test in den Angriff. Die Neugier ist mittlerweile fast ins Unermessliche gestiegen. Ich lese die Packungsanleitung durch. Falls ein Plus aufleuchtet ist der Test positiv. Völlig idiotensicher denke ich. Mein Herz beginnt zu rasen. Der entscheidende Zeitpunkt ist gekommen. Warum bloss trägt dieser Plastikstengel einen Frauennamen? „Hallo liebe Clear, wie nett, dass ich deine Bekanntschaft machen darf“, begrüsse ich den Stift.

“Dann mal los liebe Clear, du entscheidest jetzt über unsere Zukunft.“
Das Plus erscheint ab der ersten Sekunde und geht nicht ab diesem Stift weg. Mein Herz klopft. Die Hände zittern. Was passiert da, frage ich mich und lese noch einmal die Packungsanleitung durch. Ich bin nicht krank. Ich bin schwanger! Wir sind schwanger! Ein neuer Mitbewohner hat sich eingeschlichen, sag ich vor mich hin. Mit so einem Feriensouvenir hätte ich nicht gerechnet. Mein Mund ist ganz trocken. Ich gehe ins Wohnzimmer und verkünde es mit einem zaghaften lächeln: „ Der Test wäre dann positiv.“ Päd lächelt verdutzt. „Das kann nicht wahr sein. Das ist ein Wunder?“ Wir umarmen uns und betrach-ten automatisch meinen Bauch. Wie gerne würde ich schnell die Lucke des Bauchnabels öffnen und Hallo hinein rufen. Und Päd beginnt zu googlen: Wir sind schwanger…
Obwohl unsere Herzen klopfen, probieren wir diese Neuigkeit setzen zu lassen und sie erstmals zu verdauen. Mit dem Auspacken des Gepäcks versuche ich mich zu beruhigen. Und viele Mitbringsel gibt es da zu sortieren und einzuräumen. Mein Mann lässt sich ein Bad ein. Baden und auspacken macht langsam Hunger. „Du ich geh uns Döner holen. Ich hab eine grosse Lust auf Döner.” – „Weißt du, ich dusche schnell und dann komme ich mit, dann kaufen wir gleich richtig ein.“ – „Lass mal… Du kannst ja später noch einkaufen gehen für uns. Ich bin schnell wieder da.“ Mein Mann geht und ich bin wieder mit der Wäsche beschäftigt. Von Wegen es gehe schnell. Eine halbe Stunde vergeht und ich frage mich, ob aus dem Döner doch ein grosser Einkauf wurde. 10 Minuten später kommt er mit einem Säckchen aus der Apotheke zurück. „Die Dönerbude hat heute zu. Keine Ahnung warum. Ist ja jetzt nicht so wichtig, denn wir müssen einen zweiten Test zur Bestätigung machen. Die nette Apothekerin fragte mich, welchen Test du zuerst gemacht hast. Das war doch die Claudia oder Clara oder so was? Na ja egal. Ich glaube sie hat mir den Richtigen gegeben. Ausserdem hat sie mir noch diese Packung mitgegeben. Übrigens, viele Glückwünsche von ihr. Das sind wichtige Vitamine für Schwangere.“

Die liebe Clear bestätigt es uns daraufhin nochmals. Welch ein Geschenk! Wir legen die Clear auf unsere Kommode. Wir ertappen uns wie wir immer wieder ungläubig darauf sehen. Das Plus ist immer noch deutlich zu erkennen. Kribbeln. Freude. Erwartung.
Am nächsten Tag frage ich mich, was macht man mit so einem Test? Das ist nicht so etwas wie ein Fiebermesser. Muss man den aufheben? Es ist immerhin das erste Lebenszeichen unseres Babys. Aber ich überlege und denke mir so ein Stift hat vielleicht auch ein Ablaufdatum. So was kann man nicht aufheben. Mein Mann kommt in die Küche und erwischt mich beim Wegwerfen des Testes. „Nein, mach das nicht. Den müssen wir aufheben? So was muss in einer Erinnerungskiste aufgehoben werden.“ – „Ach, es gibt sicher noch besseres zum aufheben, nicht etwas über das ich mal uriniert habe, zum Beispiel Ultraschallbilder oder so.“ Päd sucht nach Argumenten. Doch meint dann: „Na ja, dann mache ich wenigstens ein Foto davon.“ Ich schaue Päd nach. Mein Herz hüpft auf und ich verspüre eine so grosse Freude, dass man sie kaum in Worte fassen kann. Die Ereignisse haben sich und werden sich überstürzen. Was wird da noch alles auf uns zu kommen? Das weiss ich nicht, ich weiss nur unser Kind wird niemals Clear heissen.

2 Responses to “Unter Umständen by Nazan”

  • Conny:

    Einfach genial!!!
    Bin auf die anderen Geschichten gespannt!

  • Sükriye*:

    ……..clear oder nicht – war ganz klar, führend. ich musste weinen vor freude – und das ganz schön im nachhinein… schöne geschichte mit dem test und den ersten lebenszeichen von lady senay…

    alles glück der erde, der süssen family

    alblaniz*

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